Biomethan aus Bioabfällen: Die nächste Stufe der Bioabfallvergärung
Biogas gilt als klimaschonend, da bei seiner Verbrennung überwiegend nur die Menge an Kohlendioxid freigesetzt wird, die die Pflanzen, aus denen die eingesetzte Biomasse stammt, zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Das Biogas kann unter anderem aus Bio- und Lebensmittelabfällen sowie aus Gülle oder Mist gewonnen werden. Zudem ist Biogas eine vielseitig einsetzbare Energiequelle für die Strom- und Wärmeerzeugung. Seit Anfang der 1990er-Jahre, als die ersten Anlagen in Betrieb gingen, hat sich deren Zahl vervielfacht: Laut Fachverband Biogas e. V. gibt es aktuell 9.605 Biogasanlagen in Deutschland. In 290 davon wird das erzeugte Gas zu Biomethan veredelt, das größtenteils als Erdgasäquivalent in das öffentliche Netz eingespeist wird.
Befeuert wird diese Entwicklung vor allem durch die EU-Abfallrahmenrichtlinie. Seit Januar 2024 sind EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, Bioabfälle konsequent getrennt zu sammeln und strengere Grenzwerte für Fremdstoffe wie Kunststoffe einzuhalten. Auch wenn die Getrenntsammlung von Bioabfällen vielerorts bereits seit Jahren praktiziert wird und es vereinzelt Aufbereitungsanlagen für Biomethan gibt, hat die Regulierung nochmals einen Qualitätssprung bewirkt: Durch eine konsequentere Getrenntsammlung organischer Reststoffe wächst der Anteil des verwertbaren Inputs, und gleichzeitig steigt die Qualität der Gärreste. Das verbessert die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Biomethanproduktion.
EU-weit wurden 2023 rund 4,9 Milliarden Kubikmeter Biomethan erzeugt. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission ist hier aber noch erhebliches Potenzial vorhanden: Im Rahmen des RePowerEU-Plans soll das Volumen bis 2030 jährlich auf etwa 35 Milliarden Kubikmeter steigen. Größte Treiber sind derzeit Frankreich, Dänemark, Italien und die Niederlande, wie der Branchenverband Gas- und Wasserstoffwirtschaft e. V. berichtete. Auch in Deutschland gewinnt die Veredelung von Biogas zu Biomethan zunehmend an Bedeutung – allerdings müssen bestehende Anlagen hierfür in vielen Fällen technisch aufgerüstet werden.
Wie funktioniert eine moderne Vergärungsanlage?
Um Biomethan auf Erdgasqualität zu bringen, wird Rohbiogas zunächst komprimiert und von unerwünschten Begleitstoffen befreit, darunter Wasserdampf, flüchtige organische Verbindungen, Ketone sowie Terpene (z. B. aus pflanzlichen Reststoffen). Anschließend werden Methan und Kohlendioxid über spezielle Membranen voneinander getrennt, sodass der Methangehalt auf Erdgasniveau steigt.
Im Rhein-Neckar-Kreis wird Biogas seit 2019 zu Biomethan veredelt. Hierfür erzeugt die AVR BioTerra GmbH & Co. KG Rohbiogas und liefert dieses zur Weiterverarbeitung an ihre Schwestergesellschaft AVR BioGas GmbH. Das fertige Biomethan wird vom regionalen Netzbetreiber in eine rund 4,3 km westlich des Standorts verlaufende Erdgas-Hochdruckleitung eingespeist. Die bei der Reinigung entfernten gasförmigen Stoffe durchlaufen eine thermische Abgasbehandlungsanlage und gelangen danach über einen Kamin in die Atmosphäre. Anfallende Flüssigkeiten werden im Kondensatsystem gesammelt und in den Schmutzwasserkanal eingeleitet.
In Bernburg (Saale) in Sachsen-Anhalt erzeugt MVV Energie AG rund 21.000 Megawattstunden Biomethan pro Jahr aus bis zu 38.000 Tonnen kommunaler Bioabfälle. Das veredelte Gas wird ins Erdgasnetz der Stadtwerke Bernburg eingespeist; daneben entsteht qualitätsgesicherter Kompost. Das Gesamtinvestitionsvolumen in Anlage und Infrastruktur betrug rund 20 Millionen Euro. Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) fördert das Projekt im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative mit 600.000 Euro.
Von Biogas zu Biomethan: Das müssen Kommunen beachten
Voraussetzung für die Biomethanproduktion ist eine leistungsstarke vorgeschaltete Technik zur Abfallaufbereitung und Fremdstoffbeseitigung. Auch bedarf es einer entsprechenden Technik zur Hygienisierung und engmaschigen Analyse, um den Eintrag von Störstoffen konsequent zu reduzieren. Ist eine Biomethan-Aufbereitungsanlage Teil eines Biogasstandortes, wird sie häufig als eigenständige Industrieanlage eingestuft und ist damit nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) genehmigungspflichtig.
In jedem Fall muss der Netzbetreiber prüfen, ob das vorhandene Gasnetz die zusätzlichen Mengen an Biomethan vollständig aufnehmen und auch in Zeiten geringer Abnahme – etwa in einer Sommernacht – weiterleiten kann. Hier müssen gegebenenfalls Kapazitäten erweitert werden. Zudem sind ein Anschluss der Anlage ans öffentliche Gasnetz und der Aufbau einer entsprechenden Einspeisetechnik erforderlich. Die Kosten für den Gasnetzanschluss trägt überwiegend der Netzbetreiber. Kommunen als Einspeiser von Biomethan tragen i. d. R. bis zu 25 Prozent.
Grundsätzlich sind Netzbetreiber dazu verpflichtet, Kapazitäten für erneuerbare Gase wie Biomethan bereitzustellen. Rechtliche Grundlage hierfür ist die EU-Verordnung über die Binnenmärkte für erneuerbares Gas, Erdgas sowie Wasserstoff (2024/1789), die seit August 2024 unmittelbar gilt. In Deutschland wurde der Zugang zu den Gasversorgungsnetzen bis Ende 2025 über die Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV) geregelt. Da diese in Teilen gegen die EU-Energiebinnenmarktrichtlinie verstieß, wurde sie Anfang Januar 2026 durch zwei Beschlüsse der Bundesnetzagentur abgelöst – die Festlegungen „ZuBio“ (BK7-24-01-010) und „GaBi Gas 2.1“ (BK7-24-01-008).
Welche Vorteile hat Biomethan für Kommunen?
Eine Erweiterung bestehender Anlagen auf eine dritte Prozessstufe ist mit technischen, rechtlichen und infrastrukturellen Anforderungen verbunden. Gleichwohl eröffnet die Veredelung von Biogas zu Biomethan Kommunen zusätzliche Potenziale für Klimaschutz, regionale Energieversorgung und kommunale Einnahmen.
Biomethan ist vielseitig einsetzbar und findet überall dort Verwendung, wo bislang Erdgas genutzt wird. So eignet es sich beispielsweise für die gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) ebenso wie für die direkte Wärmeversorgung in bestehenden Heizungsanlagen. Da Biomethan die gleichen Eigenschaften wie Erdgas besitzt, sind hierfür i. d. R. keine technischen Umstellungen erforderlich. Biomethan kann außerdem als Kraftstoff in Erdgasfahrzeugen genutzt oder als Rohstoff in der chemischen Industrie eingesetzt werden.
„Biomethan könnte tatsächlich, als erstes wirklich grünes Gas, die technischen Lücken der E-Mobilität füllen, industrielle Wärmebedarfe decken oder auch nur den fossilen Treibstoffbedarf der Landwirtschaft selbst mindern“, bewertet die Deutsche Energie-Agentur (dena) das Potenzial. Kommunen können dies beispielsweise für die kommunale Wärmeplanung und die Energiewende vor Ort nutzen. Indem sie frühzeitig in entsprechende Anlagen investieren oder bestehende Vergärungsanlagen erweitern, profitieren sie von der künftig steigenden Nachfrage nach Biomethan. Zusätzliche Impulse hierfür entstehen durch gesetzliche Vorgaben wie die Clean Vehicle Directive, die den Einsatz sauberer Antriebe im öffentlichen Verkehr fördert.
Kooperationen helfen Finanzierung für Biomethan voranzutreiben
Nach einer Berechnung des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) würde das Biomassepotenzial zur Biomethanherstellung theoretisch ausreichen, um 2030 knapp 40 Prozent des deutschen Gasverbrauchs mit Biomethan zu decken. Voraussetzung hierfür ist allerdings die konsequente Getrenntsammlung von Bioabfällen, wie sie die EU-Abfallrahmenrichtlinie vorschreibt.
Wie das dena-Branchenbarometer Biomethan 2025 jedoch zeigt, steht der Markt derzeit unter Druck: schwankende Erlösquellen, politische Unsicherheiten und Importkonkurrenz aus Ländern mit stärkerer staatlicher Förderung hemmen Investitionen hierzulande. Ungeklärt ist auch die Frage, ab wann ein Netzbetreiber die Einspeisung zusätzlichen Biomethans aus wirtschaftlichen Gründen ablehnen darf. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches e. V. (DVGW) fordert deshalb klare Kriterien vom Gesetzgeber, damit der Markt der Biogasaufbereitung weiter wachsen kann. Im Zuge der Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/1788 müssten diese Kriterien bis August dieses Jahres in nationales Recht überführt werden.
Auch die Finanzierung bleibt eine Herausforderung: Einzelne Bundesländer unterstützen ihre Kommunen zwar beim Bau von Anlagen und Leitungen, wie Bayern mit dem Programm „BioMeth Bayern“. Punktuelle Förderungen können die Kosten des laufenden Betriebs allein aber nicht decken. Hier lohnt es sich für Kommunen, frühzeitig Kooperationen mit privaten Partnern einzugehen, beispielsweise in Form eines Betreibermodells oder einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft, bei der Risiken geteilt und Marktkenntnisse genutzt werden können.