Ein Brandanschlag führte Anfang Januar in Teilen Berlins zu einem massiven Stromausfall – dem längsten in der Berliner Nachkriegsgeschichte. Mutmaßlich linksextremistische Täter zündeten mehrere Hochspannungskabel auf einer Kabelbrücke im südwestlichen Teil der Stadt an. In der Folge waren etwa 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Firmen und Geschäfte über mehrere Tage ohne Strom, viele auch ohne Heizung. Den hieraus entstandenen Schaden schätzen die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg auf mehrere Millionen Euro. Vier Monate zuvor, im September 2025, waren nach einem Anschlag auf das Stromnetz im Bezirk Treptow-Köpenick ebenfalls rund 45.000 Haushalte für 60 Stunden ohne Strom. Diese Ereignisse demonstrieren einmal mehr, wie verwundbar öffentliche Infrastruktur ist – jenseits der Motive etwaiger Täter – und welche Auswirkungen es auf das tägliche Leben und Arbeiten hat.
Öffentliche Infrastruktur ist besonders kritisches Gemeingut
Die Forderung nach einer Modernisierung maroder Anlagen, um weniger Angriffspunkte auf technischer Ebene zu bieten, ist berechtigt. Im Fall vorsätzlicher Zerstörung durch Menschen behebt diese Maßnahme aber nicht die eigentliche Ursache. Vielmehr geht es darum, sich jetzt mit strukturellen Problemen der kommunalen Infrastrukturpolitik zu beschäftigen. So müssen sich Städte und Gemeinden die Fragen stellen: Wie abhängig sind wir von einzelnen technischen Knotenpunkten? Wie schaffen wir widerstandsfähige Strukturen bei gleichzeitig geringen finanziellen Mitteln? Wie viel Sicherheit braucht es zum Schutz vor Sabotage, ohne in einen Überwachungsmodus abzugleiten?
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) setzt nach dem Anschlag auf eine härtere Gangart gegen Linksextremismus: „Wir schlagen zurück“, so die Reaktion. Dobrindt kündigte „mehr Personal, mehr digitale Befugnisse und härtere Infrastrukturschutzgesetze“ an. „Der Verfassungsschutz wird personell aufgestockt an der Stelle“, lautet der Plan des Innenministeriums. Zum derzeitigen Zeitpunkt dauern die Ermittlungen weiterhin an. Aufgrund verschiedener widersprüchlicher Bekennerschreiben ist eine eindeutige Zuordnung nicht möglich.
Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) fordert derweil mehr Geld für den Katastrophenschutz. Als notwendige Investitionen benannte sie u. a. mehr Notstromaggregate, zusätzliche Software und den Ausbau des Sirenennetzes. Zudem müssten Grundstücke besser geschützt werden und mehr Personal für den Katastrophenschutz bereitgestellt werden, so Spranger.
Der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte, das Ziel müsse sein, die kritische Infrastruktur in Berlin, wie etwa das Stromnetz, künftig noch besser zu schützen. „Wo sind Angriffspunkte, die kritisch sind? Und wie können wir unser Krisenmanagement, unseren Katastrophenschutz noch optimieren?“ Wegner plädiert zudem für mehr Videoüberwachung an neuralgischen Punkten des Stromnetzes. Außerdem ist im Gespräch, einen privaten Wachschutz mit der Überwachung des Berliner Stromnetzes zu beauftragen.
Der Deutsche Städtetag fordert von der Bundesregierung den Aufbau einer nationalen Notfallreserve. „Für großflächige und mehrtägige Stromausfälle wie jetzt in Berlin müssen wir größer denken als bisher“, sagte Städtetags-Hauptgeschäftsführer Christian Schuchardt der Rheinischen Post. „Wir brauchen eine nationale Blackout-Reserve für solche Fälle.“ Hierbei denke er an mobile Kraftwerke, die gleich ganze Quartiere mit Wärme und Strom versorgen könnten.
Naturgefahren sind häufige Ursachen für Systemausfälle
Kritische Infrastruktur ist aber nicht nur durch menschliches Einwirken bedroht, denn Naturgefahren führen viel häufiger dazu, dass wichtige Verkehrswege, Netzanlagen, Informationstechnik oder Abwassersysteme außer Kraft gesetzt werden. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) führt vor allem extreme Wettereignisse als häufige Ursache für Schäden und Ausfälle an. Dazu gehören beispielsweise Stürme, Starkregen und Hochwasser, aber auch Hitzewellen und Dürre: Überflutete Straßen behindern den Verkehr, Starkregen kann zu Stromausfällen führen und Hoch- genauso wie Niedrigwasser beeinträchtigen die Binnenschifffahrt und damit den Transport von Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Gütern. Infolge des Klimawandels würden diese Bedrohungen noch häufiger auftreten oder sich verstärken, mahnt das BBK.
Insbesondere Starkregen hat in den vergangenen Jahren massive Schäden in Deutschland verursacht. Besonders gefährdet sind laut Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) stark versiegelte Städte sowie Regionen im Mittelgebirge und Alpenraum. Verschiedene Forschungsvorhaben beschäftigen sich bereits seit längerem intensiv damit, wie gefährdete Regionen sich an klimawandelbedingte Extremwetterereignisse anpassen können. Zudem entwickeln sie neue Ansätze, um Starkregen und Überflutungen besser zu managen.
Interessant für Kommunen ist hier beispielsweise die Fördermaßnahme Regionale Informationen zum Klimahandeln (RegIKlim). Ganz aktuell hat das BMFTR zudem die Förderrichtlinie „Stärkung von Selbsthilfefähigkeit und Resilienzkompetenz der Bevölkerung in Krisen- und Katastrophenlagen“ ausgeschrieben. Seit dem 12. Dezember 2025 können Kommunen hiermit unterstützt werden, neuartige und praxisnahe Maßnahmen zu erarbeiten, um die Widerstandsfähigkeit bei Bürgerinnen und Bürgern zu stärken und sie für Gefahrensituationen zu sensibilisieren.
Neues Gesetz verpflichtet zum Schutz kritischer Infrastruktur
Um den physischen Schutz kritischer Infrastruktur (kurz: KRITIS) auch rechtlich zu verankern, arbeitet die Bundesregierung aktuell an einem Gesetzesvorhaben – dem KRITIS-Dachgesetz. Es soll Regelungen enthalten, die sich auf alle möglichen Gefahren beziehen, vom Extremwetterereignis über Sabotage bis hin zum Cyberangriff. Das Gesetz wird bereits seit 2023 diskutiert und soll einen bundeseinheitlichen und sektorenübergreifenden Rahmen bilden für Sicherheitsmaßnahmen in elf Bereichen, darunter Energie, Wasser, Verkehr, Ernährung, Gesundheit und Transport. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sagte dazu in einer Pressemeldung: „Mit dem KRITIS-Dachgesetz machen wir Deutschland widerstandsfähiger gegen Krisen und Angriffe. Wir schaffen dafür einheitliche Mindeststandards, Risikoanalysen und ein Störungsmonitoring. Unser Ziel ist klar: Die Abwehrfähigkeit und Resilienz unserer kritischen Infrastrukturen muss gehärtet werden.“