Circular Economy: Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz
Circular Economy gilt zunehmend als strategischer Wettbewerbsfaktor: Das bestätigt die aktuelle Studie „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz“ der Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI). Zirkuläres Wirtschaften schafft Rohstoffsicherheit, stärkt die wirtschaftliche Resilienz und mindert die Anfälligkeit gesellschaftlicher Systeme in Krisenzeiten, so das Fazit. Zudem eröffnen zirkuläre Geschäftsmodelle Unternehmen neue Chancen und tragen zu einem klimaneutralen Wirtschaften bei.
Die Studie untersucht vor allem Chancen für die deutsche Industrie, mit Fokus auf die Bereiche Mobilität, Maschinenbau, Bauwesen, Energie und Textilien. Als Betreiberinnen von Infrastruktur, Bauherrinnen, Energieversorgerinnen und Beschafferinnen sind Kommunen wichtige Akteurinnen der Circular Economy und tragen maßgeblich zu deren erfolgreicher Umsetzung bei.
Kommunen müssen konsequent im Kreislauf denken
Seit 2021 gehören alle Systeme und Anlagen zur Sammlung, Beförderung, Verwertung und Beseitigung von Siedlungsabfällen zur kritischen Infrastruktur. Betrieben werden diese vorrangig von kommunalen Entsorgungsunternehmen (KMU). Sie sind damit nicht mehr nur Umweltdienstleister, sondern auch Teil der nationalen Versorgungsresilienz. Durch die geschlossene Kreislaufführung von Gütern – das beinhaltet Rohstoffrückgewinnung durch Recycling, Wiederverwendung und Neudesign – leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Rohstoffsicherheit in Deutschland. Bei vollständiger Ausschöpfung des Recyclingpotenzials müssten künftig 20 bis 40 Prozent weniger Rohstoffe importiert werden, so die Prognose.
Als Betreiberin von Windparks, PV-Anlagen und Wärmenetzen können Kommunen überdies zu aktiven Akteurin zirkulärer Infrastruktur werden – indem sie beispielsweise Systeme zur Speicherung von Energie, kommunale Fahrzeugflotten und Anlagen strategisch denken. Das Stichwort hier ist Urban Mining: Dabei werden Materialbestände von Anlagen bereits beim Bau und Betrieb als Second-Life-Speicher eingeplant. Ein frühzeitig angelegtes Materialkataster schafft die Grundlage, um Baustoffe später zirkulär zu nutzen. Angesichts des enormen Materialbedarfs für die Energiewende – die Studienautoren schätzen diesen auf 75 Millionen Tonnen – können durch das Recycling von Windturbinen und Solarmodulen sowie durch Batterie-Remanufacturing bundesweit bis 2045 etwa 38 Milliarden Euro eingespart werden. Indem KMU konsequent im Kreislauf denken – ob in der End-of-Life-Planung oder kommunalen Beschaffung –, schaffen sie lokale Wertschöpfung. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, Emissionen zu senken. Laut BDI-Studie besteht so ein gesamtes Einsparungspotenzial von 11 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr.
Kommunale Beschaffung als Kreislaufhebel
Das digitale Materialkataster kommt Kommunen auch im Wohnungsbau zugute. Insbesondere die Sanierung von Bestandsgebäuden erfährt durch den Einsatz von Recyclingmaterialien eine Effizienzsteigerung. Laut Studie ließe sich der Materialeinsatz pro Wohnung so um zwei Prozent senken. Jährlich könnten 11.000 zusätzliche Wohnungen saniert werden – bei einem vergleichsweise geringen Mehreinsatz von lediglich 1,3 Millionen Tonnen Material. Was wie Zukunftsmusik klingt, ist letztlich eine Frage der Prioritätensetzung: Indem Kommunen über Vergaberichtlinien und Bebauungspläne von Anfang an eine zirkuläre Bauweise vorschreiben, setzen sie Anreize für die Wiederverwendung von Materialien und etablieren nachhaltige Marktstandards.
Als Betreiberin von Fahrzeugflotten können Kommunen den Mobilitätssektor unterstützen, indem sie Altfahrzeuge für inländisches Recycling zur Verfügung stellen, Konzepte für die Rücknahme von Autobatterien mitdenken und kreislauffördernde Verwertungsprozesse zum Bestandteil von Verträgen machen. So wirken sie dem Trend entgegen, dass etwa ein Viertel der abgemeldeten Fahrzeuge ins EU-Ausland exportiert wird und damit für den Kreislauf hierzulande verloren ist. Über zirkuläre Anforderungen in Ausschreibungen haben Kommunen als Großabnehmerin von Fahrzeugen für den ÖPNV oder die Abfallsammlung zudem die Möglichkeit, Einfluss auf Hersteller zu nehmen und diese zu entsprechenden Design- und Rücknahmelösungen zu bewegen.
Kreislaufwirtschaft in Deutschland hat enormes Potenzial
Die Studie verdeutlicht das Potenzial einer konsequent umgesetzten Kreislaufwirtschaft. Für den Aufbau der Circular Economy in Deutschland sind jedoch Einmalinvestitionen in Höhe von rund 20 Milliarden Euro erforderlich, so die Autoren. Der größte Anteil – etwa 8 Milliarden Euro – entfällt dabei auf die Recyclinginfrastruktur. Zwar wird der wesentliche Beitrag durch die Industrie getragen, damit daraus langfristig aber auch ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit entsteht, müssen Investitionen nicht nur wirtschaftlich attraktiv, sondern vor allem strategisch sinnvoll und planbar sein. Dieser Appell an einen verlässlichen regulatorischen Umsetzungsrahmen geht klar in Richtung Politik.
„Insgesamt können sich die erforderlichen Investitionen angesichts der durch die Circular Economy freigesetzten Bruttowertschöpfung gesamtwirtschaftlich in nur wenigen Jahren amortisieren”, prognostizieren die Autoren. Kommunen tragen mit ihren Bau- und Abfallprozessen hier maßgeblich dazu bei, dass die in der Studie prognostizierten Zahlen keine Theorie bleiben, sondern in der Praxis umsetzbar werden.