Auf dem Weg zur Klimaneutralität muss das Wärmesystem in Deutschland umgestellt werden, weil bislang noch ein Großteil der deutschen Haushalte mit fossilen Energieträgern wie Gas und Öl heizt. Jens Clausen, Mitbegründer und Senior Researcher des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit, sagte jüngst im „Handelsblatt“, dass Fernwärme künftig die Versorgung von Kommunen maßgeblich übernehmen könnte. Fernwärme wäre seiner Meinung nach das „Multitool der Wärmewende“, unter anderem wegen der Vielfalt der Erzeugungstechnologien. Eine der etablierten Lösungen ist die Müllverbrennung und damit Gewinnung von Wärme aus Abfall.
Fakt ist: Zahlreiche Abfälle, vor allem der übliche Restmüll, sind aufgrund der starken Durchmischung der Fraktionen für eine stoffliche Verwertung, heißt, für das Recycling ungeeignet. Daher wird der überwiegende Anteil an Haushaltsabfällen in Müllverbrennungsanlagen (MVA) thermisch verwertet und daraus Wärme oder Strom erzeugt. Abfälle mit hohem Heizwert werden vorher häufig noch zu sogenannten Ersatzbrennstoffen (EBS) aufbereitet. Die bei der Verbrennung freigesetzte Energie wird entweder direkt als reine Abwärme oder durch Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) zusätzlich für die Erzeugung von Strom genutzt.
In Deutschland spielt diese Form der Verwertung eine zentrale Rolle. Laut Umweltbundesamt sind derzeit 66 Müllverbrennungsanlagen sowie 26 Ersatzbrennstoffkraftwerke in Betrieb. Sie leisten aber nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Strom- und Wärmeproduktion, sondern sind zugleich ein fester Bestandteil der Kreislaufwirtschaft. Denn selbst nach der Verbrennung endet der Verwertungsprozess nicht. Die bei der Verbrennung entstehenden Rückstände wie Asche, Schlacken und Stäube können weiter als Sekundär- oder Versatzbaustoffe genutzt werden. Darüber hinaus enthält insbesondere die Müllverbrennungsschlacke wertvolle Rohstoffe. In speziellen Recyclinganlagen und mittels moderner Aufbereitungstechnologien lassen sich daraus Metalle und Mineralstoffe zurückgewinnen.
Abfallverbrennung spielt eine wichtige Rolle für Fernwärmeversorgung
Zurück zur Fernwärme-Erzeugung: Wie sinnvoll die Einbindung der Abfallverbrennung in die Energieversorgung für Städte und Gemeinden ist, zeigt eindrücklich die seit 1972 bestehende Gemeinschafts‑Müll‑Verbrennungsanlage Niederrhein (GMVA) in Oberhausen. Die ÖPP aus der STOAG Oberhausen, den Wirtschaftsbetrieben Duisburg und REMONDIS nutzt diese Anlage als zentrale Schnittstelle zwischen Abfallentsorgung und lokaler Energieversorgung. Mittlerweile werden in der GMVA jährlich rund 680.000 bis 720.000 Tonnen Abfall thermisch behandelt, was sie zu einem der größten Standorte dieser Art in Deutschland macht. Aus dieser Menge wird einerseits Strom mit einer Gesamterzeugung von etwa 390.000 bis 420.000 Megawattstunden pro Jahr erzeugt, wobei davon rund 315.000 bis 340.000 Megawattstunden ins öffentliche Netz eingespeist werden. Das reicht aus, um etwa 100.000 Haushalte in Oberhausen mit Strom zu versorgen bzw. einen erheblichen Teil ihres Bedarfs zu decken.
Zusätzlich produziert die Anlage jährlich rund 50.000 bis 150.000 Megawattstunden Fernwärme, die über das lokale Fernwärmesystem an etwa 5.000 bis 12.000 Haushalte sowie Gewerbe- und Produktionsbetriebe geliefert wird. Diese Wärmemenge entspricht grob dem Energieinhalt von 15 bis 25 Millionen Litern Heizöl oder Erdgas. Damit erbringt die GMVA nicht nur eine wichtige Dienstleistung in der Abfallentsorgung, sondern trägt gleichzeitig auch zur Versorgungssicherheit und zur Reduktion von fossilen Brennstoffen bei.
Wesentlich kleiner und jünger ist die Restabfallbehandlungsanlage (RABA) Zella-Mehlis. Die Anlage der Stadtwerke Suhl/Zella-Mehlis wurde 2007 an das lokale Fernwärmenetz angeschlossen und ist ein zentraler Baustein der regionalen Energieversorgung. Hier werden jährlich rund 120.000 Tonnen Restabfälle thermisch behandelt. Dabei wird die im Abfall enthaltene Energie genutzt, um etwa 100.000 Megawattstunden Heizenergie sowie rund 60.000 Megawattstunden Strom zu erzeugen.
Die gewonnene Wärme speist direkt das Fernwärmenetz und versorgt Haushalte, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen in der Region zuverlässig mit Energie. Den Stadtwerken zufolge trägt die RABA dazu bei, jährlich rund 50.000 Tonnen CO₂-Emissionen zu vermeiden, indem sie fossile Energieträger wie Kohle oder Erdgas ersetzt. Damit leistet die Anlage nicht nur einen Beitrag zur regionalen Kreislaufwirtschaft, sondern auch zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung.