Vor etwas mehr als 3 Jahren wurde der Grundstein für die Seilbahn in Paris gelegt, deren Bau anteilig von der Europäischen Union gefördert wurde. Im Gegensatz zu vielen Seilbahnen, die als Touristenattraktion gebaut werden oder in Wintersportgebieten zum Einsatz kommen, gehört die Pariser Seilbahn zum öffentlichen Personennahverkehr und kann mit den in Paris gültigen Fahrscheinen genutzt werden. Die französische Hauptstadt ist damit eine der wenigen Städte weltweit, die eine urbane Seilbahn als Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs betreiben. Zum Vergleich: Das weltweit größte Seilbahnnetz befindet sich in der bolivianischen Stadt La Paz. Mit einer Linienlänge von mehr als 33 Kilometern und 300.000 Passagieren pro Tag ist das 2012 in Betrieb genommene System „Mi Teleférico“ eine wichtige Säule des innerstädtischen Verkehrs – und zeigt, welches Potenzial urbane Seilbahnen als Teil des Nahverkehrs haben.
Günstige, umweltschonende Verkehrsalternative
Eine urbane Seilbahn in den ÖPNV zu integrieren, bietet gegenüber anderen Verkehrsmitteln eine Reihe von Vorteilen: Im Vergleich zu einer Straßenbahn oder einem erweiterten S-Bahn-Netz ist der Bau einer Seilbahn inklusive Haltestellen, Stützen, Gondeln und Betriebsmitteln verhältnismäßig günstig. Die Pariser Seilbahnlinie C1, die vom Verkehrsunternehmen Transdev im Auftrag von Île-de-France Mobilités betrieben wird, kostete rund 138 Millionen Euro und wurde gemeinsam mit dem Seilbahnhersteller Doppelmayr realisiert. Eine Verlängerung der Metro in die nun durch die Seilbahn erschlossenen Stadtteile hätte hingegen mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Beim Bau stand jedoch nicht nur der finanzielle Aspekt im Fokus: Im Gegensatz zu anderen öffentlichen Verkehrsmitteln wie der Metro oder dem Omnibus benötigt die Seilbahn lediglich 18 Minuten für die Strecke – und das umweltfreundlich, mit täglich etwas mehr als 11.000 Fahrgästen. Die bisherige Busverbindung benötigt für die gleiche Strecke rund 40 Minuten.
Für den Bau der Seilbahn waren zudem keine großen Eingriffe in die bestehende Verkehrsinfrastruktur notwendig, da die Bahn buchstäblich über Straßen, Gehwege, Wohngebiete und kritische Verkehrsknotenpunkte hinweg fährt. Die Stützen nehmen verhältnismäßig wenig Platz ein, weshalb die Seilbahn auch in dieser Hinsicht positiv auffällt. Für die Pariser Vororte entlang der Strecke bedeutet dies einen entscheidenden Vorteil: Sie sind nun direkt an die Metro angebunden. Künftig wird die Seilbahn das bevorzugte Transportmittel für Berufspendler und alle anderen sein, die schnell und unkompliziert in die Innenstadt und andere Bereiche des Großraums Paris gelangen möchten.
Urbane Seilbahn: Eine Perspektive für den deutschen ÖPNV?
Urbane Seilbahnen können vielseitig eingesetzt werden und haben verschiedene Schwerpunkte: Sie können den bestehenden Verkehr entlasten, neue Verkehrsnetze schaffen und strukturelle Barrieren innerhalb der Verkehrsinfrastruktur überwinden. Wie das Beispiel der Pariser Seilbahn zeigt, können sie auch Lücken im bereits etablierten ÖPNV schließen. Der augenscheinlichste Unterschied zu den in vielen Kommunen bereits etablierten ÖPNV-Systemen ist, dass die Fahrt in der Luft über Gebäude und Straßen hinweg erfolgt. Tram, Bus, S-Bahn und andere Verkehrsmittel nutzen hingegen Straßen- und Schienennetze, die in den städtischen Verkehr integriert sind. Auch wenn die Gondeln von urbanen Seilbahnsystemen in der Regel weniger Passagiere fassen als ein Bus oder eine Straßenbahn, ist die Beförderungskapazität trotz kleinerer Gondeln dank dichter Taktung vergleichsweise hoch.
Der Einsatz von Seilbahnen im urbanen Raum ist besonders nachhaltig: Der Betrieb selbst – außer vielleicht im Störungsfall – läuft emissionsfrei. Auch wenn der Personennahverkehr im Allgemeinen als umweltfreundlich gilt, so wird in Deutschland die Mehrheit der eingesetzten Busse immer noch mit Dieselmotoren betrieben. Nachhaltigkeit hat zudem eine soziale Dimension: Durch den Bau urbaner Seilbahnen können Wohnviertel und Quartiere mit besonderen Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur in bestehende ÖPNV-Systeme integriert werden. Dadurch erhalten mehr Menschen einen vereinfachten Zugang zum Nahverkehr und somit auch zum kommunalen Leben.
Konkrete Pläne zur Umsetzung einer Seilbahn im ÖPNV gibt es aktuell in Herne: Die Straßenbahn Herne-Castrop-Rauxel GmbH geht eine Kooperation mit der Transdev GmbH ein, um gemeinsam eine Seilbahn in der Stadt zu realisieren. Das kommunale Projekt sieht eine etwas mehr als einen Kilometer lange Strecke vom Bahnhof Wanne-Eickel bis zur ehemaligen Zeche Blumenthal vor und soll frühestens 2030 in Bau gehen. Die Redaktion von Klimaschutz-Kommune verfolgt das Projekt weiter und wird über die Entwicklungen berichten.