An künstlicher Intelligenz (KI) kommt dieser Tage keiner mehr vorbei. Laut dem aktuellen Zukunftspanel des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) setzen bereits 37 Prozent der befragten Unternehmen auf smarte Technologien, hauptsächlich für Routinetätigkeiten. In der Kreislaufwirtschaft ist der Einsatz jedoch noch verhalten: Lediglich 9 Prozent der Unternehmen gaben an, KI für Reparierbarkeit, Recycling oder Wiederverwendbarkeit von Produkten zu nutzen. Auch zur Einsparung von Rohstoffen und Energie spielt KI noch keine prominente Rolle. Aus Sicht des IW ist das nicht wirtschaftlich: „Kreislauffähigkeit ist ohne KI nicht effizient skalierbar“, heißt es im Kurzbericht zum Report.
Hat künstliche Intelligenz nun das Zeug, die Recyclingbranche zu revolutionieren – oder wird um das Thema nur heiße Luft produziert? Dieser Frage wollte der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) auf den Grund gehen und lud am 4. März 2026 zum Digital KI Summit nach Bonn ein. 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten hier über „KI – Hype oder wahrer Gamechanger“. bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock wies einleitend auf die Fülle von Herausforderungen und Möglichkeiten von KI hin, rief jedoch auch zu einer kritischen Haltung auf: „Es ist wichtig, sich umzuschauen, aber auch immer selbst zu hinterfragen: Was passt für mich? Denn jeder hat eigene Anforderungen für sein Unternehmen.“
Green-Tech für Prozesse in der Kreislaufwirtschaft
Moderne Green-Tech-Anwendungen nutzen den Dreiklang aus Digitalisierung, KI und Robotik: Analoge Dinge oder Prozesse werden digitalisiert, die KI nutzt die implementierten Daten, um Muster zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, Maschinen setzen diese Entscheidungen in der physischen Welt um. Für die Kreislaufwirtschaft eröffnet dieses Zusammenspiel im Wesentlichen drei Anwendungsgebiete: in der Automatisierungs- und Sortiertechnik (einschließlich Deep-Tech-Anwendungen), in der Logistik und in der Ausgestaltung von Smart Cities für operative Prozesse sowie für Bürgerservices und im Bereich Compliance – insbesondere an Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Systemen und Akteuren. Auf dem Summit wurden konkrete Aufgabenfelder erörtert, die innerhalb dieser Gebiete mittels KI und Robotik optimiert werden können. Das sind u. a.:
1. Automatisierungs- und Sortiertechnik
- autonomes Verladen von Abfällen
- automatisierte Sortierung und KI-basierte Bilderkennung von Stör- und Wertstoffen
- automatische Klassifizierung von Abfällen und Materialien
- Teil- oder vollautomatisches Zerlegen komplexer Produkte (z. B. Elektroaltgeräte)
2. Logistik und operative Prozesse (z. B. Smart City)
- automatische Ladungs- und Materialerkennung an Fahrzeugwaagen
- KI-gestützte Software zur Optimierung von Stoffströmen und zur Reduktion von CO2-Emissionen
- Plattformlösungen zur Vernetzung zirkulärer Geschäftsmodelle und Materialströme
3. Bürgerservices und Compliance
- digitale Rückverfolgung von Produkten, z. B. über Produktpässe, zur Unterstützung von Entscheidungen über Reparatur, Remanufacturing, Wiederverwendung von Komponenten oder stoffliches Recycling
- KI-gestützte Erstellung und Prüfung von Entsorgungsnachweisen
- Prozessoptimierung in der Auftragsannahme, Dokumentation und Rechnungslegung
KI-gestützte Mülltrennung und smarte Stadtsauberkeit
Wie Robotik und KI in verschiedenen Anwendungsbereichen der Kreislaufwirtschaft miteinander verbunden werden können, wird aktuell in Bremen erforscht. Thomas Vögele vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) berichtete auf dem Summit über die Arbeit des dort ansässigen Robotics Innovation Center (RIC). Im Projekt „SmartRecycling“ wollen die Forschenden die bisher manuellen Schritte in der Vorsortierung großstückiger Abfälle – insbesondere Bauabfälle und Sperrmüll – so weit wie möglich automatisieren. Hierfür kommen künstliche neuronale Netze (KNN) zum Einsatz, die durch Deep Learning Bild- und Sensordaten klassifizieren, sowie generative KI, welche synthetische Trainingsdaten generiert und Greifsequenzen für neuronale Netze und Roboter simuliert. Auf diese Weise soll die Sortenreinheit der Abfälle und deren Recyclingquote deutlich verbessert werden.
Doch es gibt auch smarte Anwendungen, die bereits heute in der Kreislaufwirtschaft genutzt werden. So lassen sich mit der KI-basierten Lösung DATAFLEET des Recyclingunternehmens REMONDIS Verunreinigungen und Störfaktoren im öffentlichen Raum erkennen. Diese werden über optische Sensoren erfasst, die an beliebigen Fahrzeugen des kommunalen Fuhrparks angebracht werden können. Die Daten werden während der regulären Fahrten erhoben, aufbereitet und für gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Stadtsauberkeit genutzt. Hierdurch lassen sich illegale Müllablagerungen, überlaufende Abfallbehälter, Graffitis, Wildwuchs, Schlaglöcher oder beschädigte Verkehrsschilder erkennen und beseitigen. Die KI-gestützte Software kommt deutschlandweit bereits in mehr als zehn Kommunen zum Einsatz, darunter die Hansestadt Hamburg sowie Hagen in Nordrhein-Westfalen. Wie die Lösung konkret in der Praxis aussieht, zeigt das Beispiel aus Hagen: Zum Referenzprojekt.