IFAT 2026: Zentrale Plattform für Kommunen und Industrie
Die anstehenden Transformationsaufgaben erfordern hohe Investitionen – trotz angespannter Haushaltslagen. Entsprechend nahmen zahlreiche Aussteller auf der diesjährigen IFAT kommunale Belange in den Blick. Es ging u. a. um klimaangepasstes Wassermanagement, Kreislaufwirtschaft sowie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
Die Themenvielfalt zeigt: Die IFAT hat sich längst von einer klassischen Ver- und Entsorgungsmesse zu einer zentralen Plattform für Industrie und Kommunen entwickelt. Städte und Gemeinden finden hier praxistaugliche Lösungen und können sich mit Fachleuten und Branchenakteuren austauschen. Mit dem „Tag der resilienten Kommunen“ am 7. Mai unterstrichen die Veranstalter zusätzlich die besondere Bedeutung kommunaler Themen.
Hier betonte Karsten Specht, Vizepräsident des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU): „Investitionsbedarfe und Bezahlbarkeit, Sicherheit der kritischen Infrastruktur, Anpassung an den Klimawandel, Druck auf den Schutz der Wasserressourcen sowie die Notwendigkeit, Kooperationen zu stärken. Das sind nicht nur große Herausforderungen, sondern zugleich auch große Chancen […]. Die IFAT ist die ideale Plattform, um Fachgespräche zu führen, Branchentrends zu entdecken und neue Kontakte zu knüpfen.“
Vierte Reinigungsstufe, PFAS und erweiterte Herstellerverantwortung: Kommunale Kläranlagen vor Milliarden-Investitionen
Wenn es um Abwasser geht, ist vor allem PFAS ein großes Schlagwort. Zahlreiche Aussteller präsentierten innovative Technologien, um diese Schadstoffe wirksam herauszufiltern, das Grundwasser zu schützen und beispielsweise als Trinkwasser künftig besser im Kreislauf führen zu können. Diesem Thema widmete sich auch Prof. Dr. Peter Hartwig, Experte in Wasserwirtschaft und Umwelttechnik für die REMONDIS-Gruppe, der in seinem Vortrag „Vom Reststoff zur Ressource – Ansätze zur nachhaltigen Wasserwiederverwendung“ praxisnahe Lösungen zur Wiederverwendung von Wasser aufzeigte.
Der Investitionsbedarf der kommunalen Wasserwirtschaft in den kommenden Jahren ist dabei enorm. Wirtschaftsprüfer Thomas Straßer stellte auf der VKU-Stage eine aktuelle Studie des Verbands vor, die den Investitionsbedarf für Wasserver- und Abwasserentsorgungsnetze sowie -anlagen bis 2045 auf insgesamt 800 Milliarden Euro beziffert – davon 512 Milliarden für Abwasser und 284 Milliarden für Trinkwasser. Die Stadtentwässerungsbetriebe Köln (StEB Köln) bereiten derzeit beispielsweise den Umbau ihrer fünf Kläranlagen auf eine vierte Reinigungsstufe vor. Dieser soll gestaffelt zwischen 2033 und 2045 erfolgen. Geplant sind hierfür Investitionen in Höhe von 80 Millionen Euro. Zusätzlich investiert die Stadt massiv in Hochwasserschutz und klimaangepasste Stadtentwicklung. Bis 2035 sollen dafür jährlich 140 Millionen Euro bereitgestellt werden.
Was bedeutet Klimaresilienz für Kommunen?
Klimaanpassung zählt derzeit zu den zentralen Aufgaben von Kommunen, die sich fragen müssen: Wie kann Infrastruktur klimaresilient gestaltet werden? Die IFAT bot zahlreiche Möglichkeiten, sich über praxistaugliche Ansätze wie Schwammstadt, Flächenentsiegelung und urbane Begrünung zu informieren.
Den Rahmen bildete eine Panel-Diskussion zum „Tag der resilienten Kommunen“. Miriam Haritz vom BMUKN betonte gleich zu Anfang: „Um die Herausforderungen des Klimaschutzes zu bewerkstelligen, braucht es auch Klimaanpassung. Beide bedingen einander, beide gehören zusammen.“ Orientierung bietet dabei die Nationale Wasserstrategie, die seit 2025 sukzessive umgesetzt wird. Ein konkretes Projekt ist das Niedrigwasser-Informationssystem (NIWIS), welches ab 2026 bundesweit einheitliche Informationen und Analysen zu Niedrigwasserereignissen bereitstellen soll.
Klaus Ritgen vom Deutschen Landkreistag unterstrich die federführende Rolle der Kommunen: „Wir als Kommunen sichern Daseinsvorsorge und sind erster Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger in Krisenzeiten.“ Um hier gut aufgestellt zu sein, brauchen Kommunen eine angemessene Finanzsituation, Planungssicherheit auch außerhalb der Förderarbeit und Handlungsspielräume, konstatierte er.
Andreas Giga, Leiter der Zukunftsinitiative Emschergenossenschaft und Lippeverband, berichtete direkt aus der Praxis: So setzt die Stadt Essen aktuell im Rahmen der Zukunftsinitiative Klima.Werk (Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft, KRiS) das Konzept der Schwammstadt um. Giga betonte dabei, dass solche komplexen Aufgaben nur mit neuen Formen der Zusammenarbeit zu bewältigen seien: „Bei komplexen Aufgaben dürfen wir nicht mehr in hierarchischen Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltungen denken, sondern wir brauchen dafür integrale, agile Handlungen, die zum Erfolg führen.“
Bundesförderung für Kommunen: ANK, KfW-Zuschüsse und das Blaues-Band-Programm nutzen
Mit dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) beteiligt sich der Bund finanziell an Maßnahmen wie der Renaturierung von Auen und Fließgewässern (Förderrichtlinie Auen im Rahmen des Förderprogramms „Blaues Band Deutschland“. Seit März 2025 können Kommunen über die KfW zudem Zuschüsse für Grünanlagen, Baumpflanzungen und urbane Wälder für eine wassersensible Stadtentwicklung beantragen. Während das ANK die ökologische Grundlage stärkt, bildet das KRITIS-Dachgesetz den Rahmen für den Schutz technischer und physischer Infrastruktur. Gemeinsam sollen die Maßnahmen die Resilienz von Städten und Gemeinden erhöhen.
Kreislaufwirtschaft als Standortvorteil: Rezyklate, Rohstoffsicherheit und neue Geschäftsmodelle
Resilienz in Kommunen schließt auch Rohstoffsicherheit und Wertschöpfung ein – zwei zentrale Ziele der Kreislaufwirtschaft. Aurel Ciobanu-Dordea, Umweltdirektor der Europäischen Kommission, betonte auf der IFAT: „Kreislaufwirtschaft muss lineare Wirtschaft vollständig ersetzen.“
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur kritisierte, dass Europa noch zu wenig resilient in Sachen Rohstoff- und Energiesicherheit sei. Insbesondere die Diskussion um das Ende der Abfalleigenschaft sorge in der Praxis weiterhin für Unsicherheit und hemme die allgemeine Nachfrage nach Rezyklaten. Herwart Wilms, Präsident des Europäischen Dachverbands der Entsorgungswirtschaft (FEAD), bezeichnete Recycling als Schlüssel zur Rohstoffsicherheit: „Unser Ziel ist es, die Qualität des Materials so zu gestalten, wie die Industrie es benötigt.“ Dafür brauche Europa aber auch neue Businessmodelle, so Wilms.
Auch Thorsten Feldt, Geschäftsführer von REMONDIS West und Rheinland sowie Vizepräsident des Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e.V. (BDE), forderte im Panel „Kreislaufwirtschaft für den Industriestandort Deutschland“: „Der Rezyklateinsatz sollte normal werden.“ Gleichwohl beobachte er einen dramatischen Rückgang industrieller Wertschöpfung. Um dem entgegenzuwirken, brauche es klare politische Rahmenbedingungen.
KI in der kommunalen Praxis: Von der Fremdstofferkennung bis zur Bürger-App
Große Potenziale eröffnen sich dabei durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Auf der IFAT präsentierten zahlreiche Unternehmen ihre Praxiserfahrungen mit KI-gestützten Verfahren etwa zur Fremdstofferkennung in Bioabfällen oder zur Bilderkennung an Reinigungsfahrzeugen. Die Berliner Stadtreinigung setzt beispielsweise auf einen Chatbot zur internen Mitarbeiterkommunikation und eine App, über die illegal abgestellter Sperrmüll gemeldet werden kann.
Digitale Technik kommt zunehmend auch auf Wertstoffhöfen zum Einsatz, wie im bayerischen Pöcking. Hier können Bürgerinnen und Bürger ihre Abfälle per App auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten abgeben. Christoph Wufka von der AWISTA Abfallwirtschaft Starnberg berichtete in einem Vortrag über die hohe Kundenzufriedenheit dieses Konzepts: „Bis März 2026 haben sich 1.018 Nutzer registriert, mittlerweile haben wir 19 Buchungen in der Woche in 54 Slots, die wir zur Verfügung stellen.“
Alternative Antriebe für Kommunalfahrzeuge und autonomes Fahren
Auf dem Weg zur klimaneutralen und damit resilienten Kommune spielen Kommunalfahrzeuge eine wichtige Rolle. Hier stellt sich immer wieder die Frage nach der besten Antriebsart: von batterieelektrischen bis hin zu wasserstoffbetriebenen Lösungen – Technologieoffenheit war auf der IFAT Programm.
Neben verschiedenen Antriebsarten wurde auch der reECONIC, ein Abfallsammelfahrzeug aus 80 Prozent Recyclingmaterial, vorgestellt. Das Gemeinschaftsprojekt von Daimler Truck, Faun und REMONDIS besteht u. a. aus recyceltem Stahl, einem Holzdach und Sitzpolstern aus ehemaligen Fischernetzen. Das Fahrzeug verdeutlicht eindrücklich das Prinzip „Circularity by Design“ und zeigt, wie Kreislaufführung bereits heute praktisch umgesetzt werden kann. Aktuell befindet sich der reECONIC in der Testphase; der erste Testeinsatz ist für Herbst 2026 geplant.
Thema im Zusammenhang mit Mobilität war außerdem autonomes Fahren. Auch wenn die Umsetzung insbesondere für den kommunalen Bereich nach Expertenmeinung noch einige Jahre dauern wird, laufen bereits erste Pilotprojekte. So stellte der türkische Fahrzeughersteller Koluman Automotive Industry auf der IFAT eine autonom fahrende Kehrmaschine vor, die selbstständig mit einer niedrigen Geschwindigkeit von etwa 10 km/h eine vordefinierte Reinigungsroute in einem geschlossenen Areal abfährt.
600 Milliarden Euro Bedarf: Wie Kommunen Infrastruktur trotz Haushaltsdruck finanzieren
Die Umsetzung der kommunalen Transformationsaufgaben – von PFAS über Flächenentsiegelung bis zur klimaresilienten Infrastruktur – erfordert erhebliche Investitionen. Zwar stellt das Sondervermögen der Bundesregierung zusätzliche finanzielle Mittel bereit, doch der Bedarf in Kommunen ist deutlich höher. Eine Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft (IW Köln) und des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) beziffert den öffentlichen Finanzierungsbedarf bis 2035 auf rund 600 Milliarden Euro. In der Diskussionsrunde „Sondervermögen zwischen Anspruch und Wirkung“ mahnte Christina Labusch, Leiterin von Public Affairs Deutschland bei REMONDIS: „Marode Infrastruktur schafft volkswirtschaftlichen Schaden.“
In diesem Zuge wurden auf der IFAT auch Öffentlich-Private Partnerschaften intensiv diskutiert. Ausgangspunkt hierfür war eine aktuelle Studie des Kompetenzzentrums für öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge (KOWID) zum Thema. Geschäftsführer Dr. Oliver Rottmann benannte die wesentlichen in der Studie ermittelten Vorteile einer ÖPP: Prozesseffizienz, Investitionsfähigkeit und Personalentlastung. „Über 60 % der befragten Kommunen sehen ÖPP als sinnvoll“, resümierte der Volkswirt. Auch betonte er, ÖPP nicht mit Privatisierung gleichzusetzen.
Michael Paul von den Kölner Stadtwerken verwies darauf, dass schon die Vertragsgestaltung eine Privatisierung ausschließe. Gleichwohl riet er kommunalen Unternehmen, eine ÖPP nicht nur aus finanziellen Gründen einzugehen, sondern einen Partner mit einem inhaltlichen Interesse zu suchen. Für Michaela Schröder, Geschäftsführerin der GMVA Oberhausen, ist vor allem das Know-how eines privaten Partners attraktiv. Dieser bringe Projekterfahrung mit, sodass man das Rad nicht immer neu erfinden müsse. „Man kann diese Ressourcen nutzen, muss aber auch nicht“, sagte Schröder im Panel.